Die Tischdecke als Segel – Der Beginn einer Leidenschaft

Ich bin schon oft gefragt worden, wie ich eigentlich zum Segeln gekommen bin. Nun, dies wurde mir nicht wie die Talente und Neigungen bei anderen Kindern in die Wiege, sondern buchstäblich auf den Tisch gelegt. In Form einer Tischdecke nämlich, die zu meinem ersten Segel wurde.
Als kleiner Junge bin ich im Sommer oft mit meinen Freunden und einem alten Ruderboot auf eine kleine Insel im See neben unserem Haus gerudert. Dort hatten wir uns in einer riesigen Eiche ein Baumhaus gebaut und wollten nun noch aus Decken und Tischdecken eine kleine Zeltstadt darunter errichten. Irgendwann stellte meine Mutter erschrocken fest, dass sämtliche Tischdecken aus dem Schrank verschwunden waren, woraufhin natürlich auch ich befragt wurde, wie ich das erklären könnte. Ich brachte es nicht fertig, meine Mutter zu belügen und gestand ihr meine Tat, worauf sie mich natürlich sofort aufforderte, wenigstens die guten Damast-Tischdecken wieder zurückzubringen. Sie könne ja morgen Mittag, wenn Tante Lise und Onkel Bert zu Besuch kommen, nicht den Faltstore als Tafeltuch auf den Tisch legen.
Also fuhr ich mit meinem Kumpel Alex rüber zur Insel und wir sammelten die gewünschten Tischdecken ein. Sie waren glücklicherweise nicht kaputt gegangen und noch nicht einmal besonders schmutzig geworden. Kurz nachdem wir von der Insel abgelegt hatten, wurde Alex von einer Wespe gestochen, sodass er vor Schreck das Ruder losließ. Als ich ihm helfen wollte passierte mir das gleiche. Nun saßen wir kleinen Buben in dem riesigen Boot ohne Ruder und hatten nur ein paar Tischdecken. Wir versuchten durch Paddeln mit den Händen vorwärts zu kommen, doch das war sehr anstrengend. Nun, irgendwann, in ein paar Stunden würde uns der Wind vielleicht zurück zum Ufer bringen.
Und da kam mir die Idee, mit der großen Tischdecke ein Segel zu bauen. „Los Alex, stell dich mit dem Fuß auf die eine Ecke und halt die andere Ecke mit der Hand nach oben. Ich mach das gleich hier drüben.“ Kaum hatten wir die Tischdecke senkrecht aufgespannt, begann sie sich aufzuplustern und wir merkten, wie das Boot langsam Fahrt machte. Nach 10 Minuten kamen wir so ganz ohne Anstrengung zuhause an. „Papa, ich möchte gern ein Segel an meinem Boot“, war die Antwort auf die Strafpredigt, die ich mir wegen der entwendeten Tischdecken noch anhören musste. Und seitdem bin ich ein begeisterter Segler.